Wenn Werkstoffe das Atelier übernehmen

Das zeitgenössische Atelier ist längst nicht mehr nur ein Ort, an dem ein Entwurf Schritt für Schritt in eine vorher festgelegte Form überführt wird. Immer häufiger wird es zum Resonanzraum, in dem Material, Umwelt und menschliche Absicht miteinander verhandeln. Wer mit Myzel, Schlamm, Asche oder lebenden Kulturen arbeitet, erweitert den eigenen Werkzeugkoffer der Gestaltung um Prozesse, die nicht vollständig planbar sind. Für bildende Künstler, Bildhauer, Produktdesigner und Kuratoren entsteht daraus eine praktische Frage: Wie lässt sich gestalterische Verantwortung bewahren, ohne jede Abweichung zu unterdrücken?

Biologische und instabile Werkstoffe stellen traditionelle Vorstellungen von Urheberschaft infrage. Ein Objekt aus Myzel wächst, verdichtet sich und verändert seine Oberfläche. Schlamm trocknet, reißt und speichert Spuren von Temperatur, Feuchtigkeit und Bewegung. Asche verweist zugleich auf Verbrennung, Verlust und mineralische Transformation. Solche Materialien sind keine neutralen Träger einer Idee. Sie bringen eigene Zeitlichkeiten, Widerstände und Reaktionen in die Komposition ein. Das Werk entsteht damit nicht ausschließlich durch die Hand des Menschen, sondern durch eine Beziehung zwischen Absicht und Materialität.

Der kontrollierte Kontrollverlust ist dabei kein Verzicht auf Professionalität. Er bedeutet vielmehr, Kontrolle neu zu definieren. An die Stelle des absoluten Formzwangs treten Beobachtung, Parametrisierung und situative Entscheidung. Das Atelier wird zum lebendigen Versuchslabor, in dem Fehler nicht automatisch als Scheitern gelten, sondern als Informationen über das Verhalten eines Werkstoffs. Diese Haltung kann Ausdrucksmöglichkeiten erweitern, nachhaltige Produktionsweisen anstoßen und eine ästhetische Autonomie freilegen, die erst sichtbar wird, wenn der Pinsel, das Messer oder der digitale Entwurf nicht mehr allein die Richtung vorgibt.

Großer ausladender Baumstamm als Kunstinstallation in einem hellen Saal
Wenn Materialien eigene Prozesse und Widerstände einbringen, wird Gestaltung zu einem Dialog zwischen menschlicher Absicht und selbstständiger materieller Entwicklung.

Vom passiven Rohstoff zur handelnden Entität

Der sogenannte New Materialism beschreibt eine theoretische Verschiebung, die Materie nicht als passive Oberfläche, sondern als wirksamen Bestandteil kultureller und sozialer Prozesse begreift. Der Begriff der Agency, also der Handlungsmacht, meint dabei nicht, dass ein Stück Lehm oder ein Pilz über menschliche Absichten im selben Sinn verfügt wie eine Person. Gemeint ist vielmehr, dass nicht-menschliche Akteure Bedingungen schaffen, Möglichkeiten eröffnen und Entscheidungen beeinflussen. Ein Ton, der unter bestimmten Bedingungen reißt, handelt nicht bewusst, verändert aber sehr wohl den Verlauf eines künstlerischen Prozesses.

Diese Perspektive schärft den Blick für organische Zerfallsprozesse und für die Fähigkeit von Materialien, Zeit zu speichern. In Ausstellungen wie „Several Eternities in a Day“ am UCLA Hammer Museum werden Avocado, Kakao, Achiote, Cochenille, Stein, Lehm und natürliche Farbstoffe als Aufzeichnungen des Lebendigen verstanden. Sie tropfen, verdunsten, zerfallen oder verändern ihre Farbigkeit. Der Ansatz verbindet materielle Gegenwart mit Erinnerungen an Landschaft, Körper, Kosmos und kulturelles Wissen. Besonders eindrücklich ist die Vorstellung, dass Materie nicht nur eine Form trägt, sondern auch vergangene Handlungen und mögliche Zukünfte in sich bewahrt.

Adrián Villar Rojas hat diese Zeitlichkeit in seiner Arbeit mit Lehm radikal erprobt. Modellierte Formen konnten unter dem Einfluss von Luft, Temperatur, Feuchtigkeit und Erschütterung reißen, fossilieren oder verschwinden. Zeit wurde dadurch selbst zum skulpturalen Material. Der Unterschied zwischen traditioneller Formgebung und reaktiver Co-Kreation lässt sich so zusammenfassen:

Traditionelle Formgebung Reaktive Co-Kreation
Die Form wird möglichst präzise vorgegeben. Die Form entsteht aus Vorgabe, Umwelt und Materialreaktion.
Abweichungen gelten häufig als Fehler. Abweichungen liefern Erkenntnisse und können Teil der Komposition werden.
Der Werkstoff dient vor allem als Träger. Der Werkstoff beeinflusst Ablauf, Oberfläche und Bedeutung.
Das fertige Objekt steht im Mittelpunkt. Prozess, Veränderung und Dokumentation gehören zum Werk.

Für die kuratorische Praxis bedeutet das, dass ein Werk nicht nur über seine sichtbare Endform beschrieben werden kann. Entscheidend sind auch Herkunft, Verarbeitung, Umgebungsbedingungen und die im Material eingeschriebene Zeit. Das Erbe der Unsichtbarkeit, das viele ökologische, indigene und nicht-menschliche Perspektiven betrifft, wird dadurch sichtbar. Materie erscheint nicht länger als stumme Ressource, sondern als Teil eines Beziehungsgefüges.

Pilzgeflechte und Mikroorganismen als gestalterische Partner

Myzel ist das fadenförmige Geflecht von Pilzen, das sich unter geeigneten Bedingungen durch ein Substrat bewegt und organische Partikel miteinander verbinden kann. In der Gestaltung wird es als Bindeglied zwischen Skulptur, Architektur, Innenraum und Modedesign untersucht. Formen werden nicht allein gegossen oder gefräst, sondern wachsen in einer vorbereiteten Umgebung. Das Ergebnis kann leicht, porös, stoßdämpfend und biologisch abbaubar sein, zugleich aber eine unregelmäßige Oberfläche und eine eigene Wachstumslogik besitzen.

Die Arbeiten von Gabriela Oberkofler zeigen, wie sich die Idee des Myzels auch jenseits eines rein technologischen Materialdiskurses entfalten lässt. Ihr Wandbild „Myzel“ und der „Weltgarten“ in Dresden thematisieren Verbindungen, Nährstoffaustausch und gegenseitige Unterstützung zwischen Organismen. Die Pflanzenkombinationen im Garten, etwa Tomaten mit Zimtbasilikum, übersetzen ökologische Kooperation in eine anschauliche räumliche Praxis. Myzel wird damit nicht nur als Werkstoff, sondern als Modell für gesellschaftliche und gestalterische Beziehungen verstanden.

Auch im Atelier verändert die Arbeit mit Pilzkulturen die Rolle der gestaltenden Person. Projekte wie „LuminousNetworks“ am Fraunhofer WKI verbinden künstlerische Forschung, wissenschaftliche Analyse und die Untersuchung kultureller Körperbilder. Die Zusammenarbeit mit Mikroorganismen verlangt andere Routinen als die Arbeit mit Holz, Metall oder Kunststoff. Geduld, Hygiene und genaue Beobachtung ersetzen den schnellen Zugriff. Aus der Praxis lassen sich mehrere Kerneigenschaften biologischer Substanzen ableiten:

  • Prozesshaftigkeit: Das Material verändert sich während der Herstellung und kann auch nach der Präsentation weiter reagieren.
  • Abhängigkeit: Wachstum und Stabilität hängen von Temperatur, Feuchtigkeit, Nährstoffangebot und Umgebung ab.
  • Variabilität: Selbst bei identischen Ausgangsbedingungen entstehen nicht zwingend identische Oberflächen oder Formen.
  • Beziehungsfähigkeit: Das Material macht Kooperationen mit Laboren, Landwirtschaft, Handwerk und Kuratieren besonders produktiv.
  • Ethik der Rücksicht: Lebendige Kulturen erfordern Entscheidungen über Pflege, Begrenzung, Abtötung und Entsorgung.

Die Lektion lautet nicht, menschliche Gestaltung aufzugeben, sondern sie als Dialog zu organisieren. Ein Entwurf kann weiterhin Proportion, Funktion und Wirkung definieren. Offen bleibt jedoch, wie genau das Material diese Vorgaben interpretiert. Gerade dieses Zurücktreten kann bahnbrechend sein. Es schafft eine Brücke zwischen Kunst und Modedesign, zwischen Laborprotokoll und sinnlicher Erfahrung, zwischen der Präzision des Designs und der Unverfügbarkeit des Lebendigen.

Das Atelier als Biotop und kontrollierter Raum des Unvorhersehbaren

Ein Atelier für instabile Materialien braucht keine totale Kontrolle, aber klare Rahmenbedingungen. Schlammtrocknung, Verkokung und Pilzwachstum werden nicht dem Zufall überlassen. Stattdessen werden Parameter so gesetzt, dass bestimmte Reaktionen wahrscheinlicher werden. Wer mit lebendigen oder reaktiven Werkstoffen arbeitet, gestaltet daher zunächst eine Umgebung. Die Form entsteht aus dem Zusammenspiel von Material, Substrat, Temperatur, Feuchtigkeit, Luftzirkulation und Zeit.

Ein praxistauglicher Ablauf kann in vier Schritte gegliedert werden:

  1. Material und Ziel definieren: Lege fest, ob Oberfläche, Stabilität, Geruch, Gewicht, Zerfall oder Wachstumsbild im Mittelpunkt stehen. Dokumentiere Herkunft und Zusammensetzung des Materials.
  2. Eine kleine Versuchsreihe anlegen: Arbeite mit mehreren Proben und verändere jeweils nur einen Parameter. So wird erkennbar, ob etwa Feuchtigkeit oder Substratwahl für Rissbildung und Verdichtung verantwortlich ist.
  3. Umgebung parametrisieren: Messe Temperatur und relative Luftfeuchtigkeit, reguliere die Luftzirkulation und notiere Zeitpunkte. Beim Myzel können Substrat, Sterilität und Formgebung entscheidend sein, beim Schlamm Wassergehalt, Körnung und Trocknungsgeschwindigkeit.
  4. Reaktion auswerten und kuratieren: Entscheide nicht zu früh über das fertige Werk. Fotografiere Zwischenzustände, sichere Proben und bestimme erst danach, welche Veränderungen zur Komposition gehören und welche begrenzt werden müssen.

Diese Methode ersetzt Formzwang durch Parametersteuerung. Besonders sinnvoll ist ein Atelierprotokoll, das neben technischen Daten auch Wahrnehmungen festhält: Wann kippt eine Farbe? Wann verliert eine Oberfläche ihre Spannung? Welche Abweichung erzeugt eine unerwartete räumliche Wirkung? Die akademische Restaurierungsforschung betont, wie wichtig Interviews mit Kunstschaffenden, wissenschaftliche Materialanalysen und die genaue Kenntnis von Produktions- und Ausstellungskontexten sind. Die bei ENCRyM entwickelte Vorgehensweise reicht von Diagnose und Künstlerinterview über Analyse und Bewertung bis zu Intervention, Bericht und Vermittlung.

Sicherheit bleibt eine Voraussetzung jeder Prozessoffenheit. Lebende Kulturen dürfen nur unter Bedingungen gepflegt werden, die gesundheitliche Risiken, Kontamination und unkontrollierte Ausbreitung minimieren. Materialien müssen eindeutig beschriftet, getrennt gelagert und nach dem Versuch fachgerecht behandelt werden. Für eine Ausstellung braucht es außerdem einen Plan für Konservierung, Transport und mögliche Veränderungen. Kontrollierter Kontrollverlust bedeutet nicht Nachlässigkeit, sondern eine transparente Absprache darüber, welche Prozesse zugelassen, dokumentiert oder beendet werden.

Konservatorische Herausforderungen zwischen Wandel und Zerfall

Museale Dauerhaftigkeit und biologischer Eigensinn stehen in einem produktiven, aber schwierigen Widerspruch. Eine Institution ist traditionell darauf ausgerichtet, Objekte möglichst unverändert an kommende Generationen weiterzugeben. Ein Werk aus organischem Material kann seine Bedeutung jedoch gerade durch Schrumpfung, Austrocknung, Farbverlust oder Zerfall entfalten. Bei einer Installation wie „Lavatio Corporis“ von Grupo SEMEFO wurden getrocknete und konservierte Pferdeföten durch Flüssigkeitsverlust, Gewebekontraktion und verhärtete Haut verändert. Schimmel im Lager und ungeeignete Podeste verschärften die Situation. Die Frage war daher nicht nur, wie Stabilität hergestellt werden kann, sondern auch, ob der Verfall zum Konzept gehört.

Konservatorische Entscheidungen brauchen in solchen Fällen eine erweiterte Dokumentationspraxis. Neben Zustandsfotografie und Materialanalyse zählen Gespräche mit den Kunstschaffenden, Ausstellungsprotokolle, Klimadaten, Installationszeichnungen und die Aufzeichnung von Geruch, Gewicht oder taktiler Wirkung. Für Restauratoren und Sammler entstehen neue ethische Maßstäbe:

  • Die intendierte Veränderlichkeit eines Werks muss respektiert und klar kommuniziert werden.
  • Jede Intervention sollte begründet, reversibel soweit möglich und ausführlich dokumentiert sein.
  • Lebende Organismen dürfen nicht allein aus ästhetischen Gründen unnötig belastet oder verbreitet werden.
  • Leihverträge sollten Zustandsveränderungen, Pflege, Transport und Abbruchkriterien ausdrücklich regeln.
  • Sammler sollten neben dem Objekt auch Wissen, Pflegeanweisungen und digitale Archive übernehmen.

Damit verschiebt sich der Status des Kunstwerks. Es ist nicht mehr ausschließlich ein abgeschlossenes Ding, sondern ein zeitlich bestimmtes Gefüge aus Material, Kontext, Handlung und Erinnerung. Kuratorische Verantwortung besteht dann darin, diesen Wandel weder zu romantisieren noch vorschnell zu verhindern. Die Institution wird zur Partnerin des Prozesses, indem sie Bedingungen für Sichtbarkeit, Sicherheit und historische Lesbarkeit schafft.

Den Pinsel aus der Hand geben und Neuland betreten

Die ästhetische Stärke biologischer und instabiler Materialien liegt in ihrer Fähigkeit, eine Komposition über den menschlichen Entwurf hinaus zu öffnen. Riss, Wachstum, Sediment, Verdunstung und Verfärbung können jene Dimensionen sichtbar machen, die in einer vollständig kontrollierten Produktion verborgen bleiben. Für dich als Kunst- oder Designschaffende bedeutet das eine Erweiterung der Gestaltungsfreiheit, nicht deren Verlust. Du legst weiterhin Kontext, Maßstab, Funktion und Präsentation fest, überlässt aber einen Teil der konkreten Form dem Material und seiner Umgebung.

Der nächste Schritt kann klein beginnen: eine dokumentierte Versuchsreihe, ein begrenztes Substrat, eine Partnerschaft mit einem Labor oder ein Ausstellungsformat, das Veränderung ausdrücklich zulässt. Entscheidend ist die Haltung, mit der das Atelier betrieben wird. Unberechenbarkeit wird zur kompositorischen Kraftquelle, wenn sie beobachtet, gerahmt und reflektiert wird. So entsteht eine nachhaltige Gestaltungspraxis, die nicht auf maximale Beherrschung zielt, sondern auf wechselseitige Rücksicht zwischen Mensch, Material und Umwelt. Das zeitgenössische Atelier wird dadurch zu einem Ort, an dem Form und Funktion nicht trotz des Lebendigen entstehen, sondern durch eine sorgfältig ausgehandelte Zusammenarbeit mit ihm.

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